Der Artikel „Lucas ist wie ein Raubtier“ ist am 14. April 2010 bei BILD erschienen
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Einen Anruf wird Ricardo Gareca (52) auch dieses Jahr zu Weihnachten bekommen. Am anderen Ende der Leitung ist dann Lucas Barrios (25), der sich jedes Jahr meldet. „Sein Verhalten zeugt von großer Dankbarkeit und Wertschätzung mir gegenüber“, sagt Gareca und ergänzt schmunzelnd: „So schlecht habe ich meine Arbeit anscheinend nicht gemacht.“
Gareca war Barrios’ erster Profi-Trainer. Unter ihm feierte der Torjäger 2003 sein Debüt in Argentiniens zweiter Liga – bei Argentinos Juniors.
„An seinem ungestümen Temperament habe ich am meisten mit ihm gearbeitet. Ich wollte, dass er ruhiger in seinen Aktionen wird. Immer wieder habe ich ihm eingebläut, mehr nachzudenken“, erinnert sich Gareca im Gespräch mit SPORT BILD.
Damals war Barrios 18 Jahre alt. Heute, sieben Jahre später, ist er ein Star in der Bundesliga. 15 Tore hat er schon für Borussia Dortmund erzielt, kein anderes Trikot geht häufiger über die Ladentheke der BVB-Fanshops. Für rund 4,2 Millionen Euro kam Barrios im vergangenen Sommer von Colo-Colo, Trainer Jürgen Klopp (42) hatte sich einige Videos von ihm angesehen – und war überzeugt.
Gareca: „Lucas ist keiner, der den Ball filigran aus der Luft annimmt oder sich durch trickreiche Dribblings auszeichnet. Seine Gabe ist vielmehr seine Kraft. In jedem Moment kann er zuschlagen, wie ein Raubtier.“ Barrios’ Spitzname in der Heimat: „Der Panther“.
Dortmunds Raubtier beißt vor allem, wenn es drauf ankommt. Sechsmal erzielte Barrios das wichtige 1: 0 für den BVB, vier Treffer erzielte er in der Anfangsviertelstunde – so viele wie kein anderer Stürmer der Liga. Auch Gareca beobachtet ihn noch ganz genau. Live-Spiele werden zwar in Argentinien nicht ausgestrahlt, die Zusammenfassungen lasse er sich aber nicht entgehen.
Gareca: „Mir ist aufgefallen, dass er die Qualitäten, die er damals schon in Ansätzen besaß, weiter verbessert hat. Heute ist er ein kompletter Spieler. Er strahlt mehr Ruhe aus. Wo er früher mit dem Kopf durch die Wand wollte, geht er jetzt mit mehr Übersicht zu Werke.“ Ein Kompliment für Klopp, der Barrios zu Beginn hart rannahm, ihn in Sonderschichten fit machte. „Hier muss ich mehr mit nach hinten machen, mehr laufen“, sagt Barrios. „Es klappt schon besser, aber ich muss weiter an mir arbeiten.“
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Ein Länderspiel durfte er noch nicht absolvieren, die Konkurrenz in Argentinien ist mit Lionel Messi (22), dem derzeit besten Stürmer der Welt, und Real Madrids Gonzalo Higuaín (22) riesig. Umso erstaunlicher, dass Gareca dennoch von Trainer Diego Maradona (49) fordert, Barrios zur WM mitzunehmen – und ihn sogar auf eine Stufe mit den Nationalhelden Gabriel Batistuta und Hernán Crespo hebt.
„Ein Typ wie Barrios fehlt meiner Meinung nach im Kader. Ich würde ihn als Alternative auf jeden Fall mit nach Südafrika nehmen. Argentinien hat seit den Tagen von Batistuta oder Crespo nie wieder reine Torjäger mit den Charaktereigenschaften von Lucas Barrios hervorgebracht“, sagt der 52-Jährige.
„Dieser Vergleich ehrt mich“, sagt Barrios. Bleibt Maradona stur, hat Barrios ein weiteres Ass im Ärmel. Seine Mutter ist Paraguayerin, Barrios hat zwei Staatsbürgerschaften, könnte also mit Paraguay zur Weltmeisterschaft fahren.
Doch zunächst will er mit dem BVB in die Champions League – also in der Liga auf Platz drei. „Dafür“, so Barrios, „werde ich alles tun.“ Trotz des 0:1 in Mainz ist Dortmund Vierter – nur zwei Punkte fehlen.
